Re: Linuxinstallparty 1900.

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From: Christian Weisgerber (naddy_at_mips.rhein-neckar.de)
Date: 12. Nov 1999


Raimund Kohl <raimund.kohl.services_at_mannheim-netz.de> wrote:

> Für einen Newbee ist alles unter Linux kompliziert -

Bevor dich jemand damit aufzieht: die Schreibung ist "Newbie".

> Zunächst ist es mal wirklich schwieirg, jemanden an ein Telefon
> zu kriegen, der a) etwas von Linux versteht, b) nicht nur von SuSE
> oder Red Hat oder was auch immer versteht sondern tatsächlich von
> Linux und c) auch Zeit hat.

d) der in der Lage ist, sich soweit in die Begriffswelt und Denkweise
   von jemandem, der aus der PC-Welt kommt, hineinzuversetzen, dass
   er (i) dessen Frage überhaupt versteht und (ii) eine Antwort
   geben kann, die dieser dann ebenfalls versteht.

Das ist ein Grund, warum ich mich bei der Anfängerbetreuung weitgehend
zurückhalte. Ich kann mit den Leuten reden, aber es findet keine
Kommunikation statt.

Die Bemerkung b) finde ich ganz interessant. Wie ich so höre besteht
großes Interesse in der Geschäftswelt an Linux-Zertifizierungen,
als Äquivalent zum Microsoft Certified Engineer u.ä. Insbesondere
Red Hat scheint mit Nachdruck daran zu arbeiten. Und wie ich höre,
werden die Leute hauptsächlich konkrete Details einer Distribution
auswendig lernen dürfen.

Punkt b) ist insofern auch interessant, als dass ich den Eindruck
habe, dass die meisten Anfängerfragen ganz spezifisch auf Details
einer bestimmten Distribution ausgerichtet sind. Ich kann das
üblicherweise gar nicht beantworten.

> Irgendwie scheinen sowohl die Verfasser von Handbüchern als auch
> Verfasser von Büchern absolut überzeugt davon zu sein, daß jeder
> neue Linuxer eine Menge von Computern schlecht versteht - aber
> nirgendwo steht, daß man mit Linux erst anfangen darf, wenn man
> herausragende Kenntnisse im Umgang mit Comuptern hat.

Aber was sind "herausragende Kenntnisse"? Hier findet eine anhaltende
Relativierung statt.

Um ein Beispiel zu nennen, das mittlerweile durch die fortschreitende
(in diesem Fall auch technische Entwicklung) selbst auf die Halde
der Geschichte gehört: Früher war es selbstverständlich, dass
jemand, der mit einem PC arbeitet - zumindest aber die Leute, die
auf die Idee kamen ein Betriebssystem zu installieren - wusste,
was für Komponenten er in seinem Rechner hat, und was für Ressourcen
(I/O-Adressen, IRQs, Shared Memory) diese belegen. Wenn jemand um
Hilfe bei der Installation von Linux bat, dann war es stillschweigende
Voraussetzung, dass er diese Dinge wusste. Irgendwann standen dann
immer mehr Leute da, die das aber nicht wussten, und verwirrt bis
verärgert waren, dass man das von ihnen erwartete. Elementares
Grundwissen war plötzlich zu obskurem technischen Spezialwissen
mutiert.

In dem Kreis, wie sich Unix einer immer breiteren Nutzerschicht
erschließt, verschieben sich hier die Maßstäbe. Nun ist es aber
natürlich, dass die Kenner von heute, wenn sie mit Anfängern zu
tun haben, sich an ihrer eigenen Anfängerzeit orientieren - was
prompt schief geht.

Ich glaube, ich habe das in letzter Zeit schon öfters gesagt: Als
ich selbst mit Unix angefangen habe (noch gar nicht solange her,
~1991), hieß es, dass es zehn Jahre Erfahrung brauche, bis man
einen Unix-Rechner administrieren könne. Und die System sind seitdem
sehr viel komplexer geworden. Heute erwartet aber jemand, ein
XY-Linux/-BSD in einer halben Stunde von CD installieren und das
System dann verwalten zu können. Irgendwas passt da nicht zusammen.

> Wenn man sich mit einem Newbee verständigen möchte (und das ist jetzt
> viel eher eine Bitte, denn ein Hinweis) muß man zualleraller erst
> einmal, wo denn dieser Bursche (oder Mädel) steht in Sachen PC - und von
> dort ausgehen.

So man sich in diese Perspektive hineinversetzen kann. Ich kann es
nicht. Aber deshalb überlasse ich das ja auch anderen.

-- 
Christian "naddy" Weisgerber                  naddy_at_mips.rhein-neckar.de


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