Re: Ungefiltertes Internet

Autor: Christian Weisgerber <naddy_at_mips.inka.de>
Datum: 16.03.2006
Timo Zimmermann <timo.zimmermann@pharao-edv.de> wrote:

> Aber bevor ich mich jetzt allgemein über das Thema äußere und evtl. in
> die völlig falsche Richtung renne, was genau für Inhalte sind es bzw.
> welche Richtung, die gefiltert wird.
> Ein System / eine Regelung wird es ja geben oder nicht?

Zur politischen Zensur in Deutschland kann ich nichts sagen. Ich
habe bis heute noch nicht herausgefunden, ob z.B. ein Buch tatsächlich
verboten werden kann.

In der Praxis wichtiger ist die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende
Medien (früher: ... Schriften), die auf Antrag beliebige Medien mit
ihrem Bannstrahl belegen kann. Betroffene Medien sind dann starken
Verbreitungseinschränkungen unterworfen, die nicht nur Jugendlichen
sondern typischerweise auch Erwachsenen den Zugang verwehren. Außer
Pornografie in Bild und Video, für die eine so große Nachfrage
besteht, dass sich der Aufbau paralleler Vertriebswege lohnt, ist
eine Vermarktung z.B. von betroffenen Büchern normalerweise nicht
mehr möglich.

Die BPjM kann auch Telemedien wie Webinhalte indizieren. Da im
Ausland ansässige Anbieter typischerweise aber den Auflagen nicht
nachkommen, versucht man eben über die inländischen Internet- und
Suchmaschinen-Anbieter entsprechende Restriktionen durchzusetzen.

Ein international prominenter, weil auf BoingBoing veröffentlichter
Fall ist das Body Modification Ezine (BME, www.bmezine.com), das
sich, wie der Name sagt, mit Veränderungen am eigenen Körper
beschäftigt: Tätowierung, Piercing, Ziernarben, ... bis hin zu
Selbstkastration und Amputation. Gemäß BPjM jugendgefährdend. Da
die Betreiber in Nordamerika nicht einsehen, "geeignete" Maßnahmen
zu ergreifen, um deutschen Jugendlichen den Zugriff zu verwehren,
hat man BME aus dem Index von Google.de entfernen lassen.

Man beachte, dass die Bürde "geeigneter" Maßnahmen alleine dem
Anbieter zufällt. Kann dieser sie zum Beispiel wegen technischer
Unsinnigkeit nicht umsetzen und muss daher den Betrieb einstellen/
den Zugang auch Erwachsenen verwehren, dann ist das völlig in
Ordnung. Ein _Recht_ auf Zugang zu als jugendgefährend klassifizierten
Medien durch Erwachsene besteht nicht.

In der Wikipedia findet sich ein ausführlicher Artikel zur BPjM.

-- 
Christian "naddy" Weisgerber                          naddy@mips.inka.de
Received on Thu Mar 16 17:59:42 2006

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