Re: Zeilenumbruch (war Re: Zeichenprobleme unter X) (fwd)

Autor: msdemlei_at_cl.uni-heidelberg.de
Datum: 14. Mar 2004


On Sun, Mar 14, 2004 at 12:33:26AM +0100, Alexander Holler wrote:
> >>Meiner Meinung nach sollte das aber Aufgabe des Readers sein, nicht
> >>jeder mag seine Mails nur mit 72 Zeichen pro Zeilen lesen. Und bei
> >>Replys sollte der Reader so intelligent sein und die reply-zeilen
> >>entsprechend umzubrechen und nicht die Aufgabe dem Absender aufdrücken.
> >
> >Whoa, Whoa! Lasst den Religionskrieg ausbrechen! Ernsthaft:
Ich wusste, dass das passieren wird...

> >(1) Sind eigentlich schon 72 Zeichen pro Zeile eher etwas viel,
> >wenn es um leichte Lesbarkeit geht -- die irischen Mönche haben
>
> Hier geht es nicht um die Lesbarkeit, sondern die Freiheit dem Leser zu
> überlassen wie er seine Mails lesen möchte.
With freedom comes responsibility:-)

Aber wie Robert (im Wesentlichen) schong gesagt hat: Wenn du
die Freiheit von device independence haben möchtest, kommst
du um Markup nicht herum (s.u.). Und der wiederum ist für
99% der Mail, die ich verschicke, völlig überflüssig und würde
auch nur überflüssige Arbeit machen.

Ohne Markup gibts keine Unabhängigkeit von der Ausgabeeinheit,
und für Mails ist der Industriestandard da halt mal 80 Zeichen
pro Zeile, nichtproportional. Holleriths Lochkarten mögen
da eine Rolle gespielt haben, aber eben auch der Umstand, dass
sich Zeilen, die nicht monströs lang sind, besser lesen lassen.

Probierts: Macht eure Browserfenster bei einer nicht "designten"
Webseite mal richtig schmal (sagen wir 50 Zeichen). Entscheidet,
was sich angenehmer und schneller liest.

Oder lest was hübsches Kongnitionspsychologisches.

> >(2) Ist korrekter Zeilenumbruch in Abwesenheit von Markup hoch
> >nichttrivial (denke an Quellcode, Aufzählungen, ASCII-Art usf.).
>
> Quellcode verschickt man nicht als Mails.
Oh doch. Nicht zwingend 200 Zeilen, aber doch etwas wie

(ich zitiere aus einer realen Mail von Donnerstag)

"""
Kann man etwas in der Art des folgenden Codes (der nicht funktioniert)
in Python hinkriegen?

def make_g(a):
  y=a
  return lambda(x): y+=x and y

Das Lisp-Äquivalent ist:
(defun make-g (a) (let ((y a)) (lambda (x) (setf y (+ x y)))))
"""

Viel Spass mit dem Lesen, wenn du nicht sehr schlauen Zeilenumbruch
machst.

Zu Aufzählungen und ASCII-Art hast du sicherheitshalber nichts
gesagt.

Mind you, diese Probleme sind lösbar, und vielleicht noch nicht
mal mit viel Tipparbeit (Wikis machen das vor).

Aber in einer Welt, in der Leute HTML-Mails verschicken und
nicht wissen, warum das Irrsinn ist, wirst du so ein minimal
invasives Markup nicht durchsetzen können, und drum wird dein
automatischer Zeilenumbruch (den dir niemand nehmen will) für
die meisten Leute ausgesprochen unattraktiv und lästig sein.

Den Leuten, denen du Mails schreibst, unattraktive und lästige
Lösungen aufzuzwingen ist keine gute Idee, es sei denn, du
wärst das Finanzamt.

> Außerdem wird der Absender nicht gehindert, seine Mails mit einem harten
> Umbruch zu verschicken. Wenn der Absender will, kann er ja gerne in seinen
> E-Mails alle paar Zeichen einen Zeilenumbruch einfügen.
Du *kannst* alle Zeilenumbrüche in Mails zu "harten" Zeilenumbrüchen
definieren. Solange das niemand sonst tut, hast du da nicht für.

> Im übrigen ist deine Aussage gerade im Bezug auf Quellcode falsch, wie
> postest du Quellcode der mehr als 72 Zeichen/Zeile hat mit korrektem
> Umbruch? Vollkommen unmöglich.
(Code sollte eh nicht wesentlich breiter sein, d.S.)

> >*Ich* finde, dem Rechner muss man da nicht mehr anvertrauen als
> >dringend nötig (ganz zu schweigen davon, dass die Mailclients
> >das ja auch noch jeweils implementieren müssen), und die
> >Dringlichkeit langer Zeilen ist wenigstens mir nicht klar.
>
> Also einen Zeilenumbruch nach max. 72 Zeichen nicht mitten im Wort zu
> machen ist alles anderes kompliziert. Und jeder Mailclient, den ich kenne,
Ist es *doch*. Das war mein Punkt mit dem Markup. Für schlichten
Text sinds natürlich nur eine Handvoll Zeilen (obwohls interessante
Grenzfällig gibt...). Aber Mails bestehen eben aus einem *Hauch*
mehr als Fließtext.

Nochmal: Mit breiten Zeilen verletzt du etwas wie einen informellen
Standard (die Netiquette). Als Aktionsform, um die Annahme eines
neuen Standards durchzusetzen, ist das vielleicht erlaubt. Aber
dann solltest du besser gute Argumente haben, warum der alte
Standard Mist ist ("meine Terminals sind immer 240 Zeichen breit"
ist nicht überzeugend) und konkrete Vorstellungen haben, wie die
Probleme, die der alte Standard halbwegs befriedigend gelöst hat,
in deiner schönen neuen Welt gelöst werden.

Einfach nur "Ach, ich finds schöner so" bei einem Übertreten von
Vereinbarungen wird jedenfalls auf wenig Verständnis stoßen.

          Markus

(dem dieses Thema vor allem deshalb am Herzen liegt, weil er
schon zu viele Leute getroffen hat, die so gut wie *alles*
ausdrucken, weil sie "am Bildschirm nichts lesen" können --
und natürlich 250 Zeichen breite Fenster haben)


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