Torvalds/Diamond, "Just for Fun"

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From: Christian Weisgerber (naddy_at_mips.inka.de)
Date: 23. Jul 2001


Linus Torvalds/David Diamond
"Just for Fun"
HarperCollins, 2001
ISBN 0-06-662072-4
262 Seiten

Das Auffallendste an Linus Torvalds Autobiografie ist, dass es
eigentlich nicht viel dazu zu sagen gibt. Freundlicherweise wird
der Ghostwriter als Koautor genannt. Auf etwa 200 Seiten bekommen
wir die bisherigen 30 Jahre von Torvalds' Lebens erzählt, danach
schließen sich noch 50 Seiten Essays zu allerlei Themen an, und
durch das ganze Buch eingeschoben finden sich Anekdoten aus der
Entstehung des Buchs, wo Diamond Torvalds beobachtet hat.

Linus' trockener Humor kommt gut herüber, und Diamond, der schreiben
kann, hat das Ganze in lesbare, lockere Prosa gegossen. Das große
Problem ist, dass Torvalds' Leben ausgesprochen uninteressant und
banal verlaufen ist. Er hat halt die ganze Zeit vor Rechnern gesessen
und programmiert. Dem Stereotyp des Geek/Nerd - haben wir immer
noch keinen deutschen Begriff dafür? - hat er aufs i-Tüpfelchen
entsprochen. Wer tiefe Einblicke in Torvalds' Privatleben erwartet,
wird enttäuscht werden, hauptsächlich weil es da einfach nichts
gab.

Wir erfahren die Geschichte seines merkwürdigen Nachnamens, von dem
mir vor ein paar Wochen erst ein paar Schweden/Finnen bestätigt
haben, dass er nicht erkennbar schwedisch und erst recht nicht
finnisch ist. (Linus gehört zur schwedischsprachigen Minderheit in
Finnland.) Die Essays am Ende sind nicht sonderlich tiefschürfend
oder überraschend. Ach ja, und da ist noch der Sinn des Lebens.

Die Autoren sind bemüht, das Buch auch für ein nichttechnisches
Publikum verständlich zu halten. Wie gut das gelungen ist, kann ich
nicht beurteilen. Der Text sieht so aus, als ob ihn jemand aus
dieser Zielgruppe noch einmal (schlampig) korrigiert hat. Vielleicht
war es auch nur eine automatische Rechtschreibprüfung.

Torvalds vermittelt den Eindruck eines netten, durchschnittlichen,
langweiligen Menschen. Er ist ein guter Programmierer, er hat sich
diesem Hobby unter Ausschluss anderer Dinge gewidmet, und er hat
zur richtigen Zeit in die richtige Lücke gestoßen. Hauptcharakter-
eigenschaft: Pragmatismus.

Ich habe Glyn Moodys "Rebel Code" nicht gelesen, kann mir aber
vorstellen, dass es die Geschichte von Linux besser vermittelt.
Und wer das Phänomen Open Source verstehen will, der soll Eric
Raymonds "The Cathedral and the Bazaar" (das Buch mit allen drei
Aufsätzen) lesen.

Empfehlen kann ich das Buch Leuten, die Linus als Held verehren
oder umgekehrt ihn verteufeln.

-- 
Christian "naddy" Weisgerber                          naddy_at_mips.inka.de


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