Bericht JL3

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From: Christian Weisgerber (naddy_at_mips.inka.de)
Date: 16. May 2000


Am 12. und 13. Mai fanden in Illkirch bei Straßburg zum dritten
Mal die Journées du Libre (Freie-Software-Tage) statt, veranstaltet
von der Straßburger LUG.

Nachdem ich die beiden vergangenen Male als Besucher teilgenommen
hatte, war ich dieses Mal als Referent eingeladen und stellte zudem
zusammen mit Christophe Latt einen kleinen BSD-Stand vor. Christophe
ist (perfekt Pfälzisch sprechender) Franzose, und hat zur Überwindung
von Sprachproblemen und damit sehr zum Gelingen des Standes
beigetragen.

Donnerstag war Aufbautag. Christophe hatte eine MicroVAX mit VT420,
und eine DECstation 5000/133 dabei, beide unter NetBSD; ich zwei
Rechner der Unix-AG, eine AXPpci33 und einen Dual-PPro jeweils
unter FreeBSD. Von den Veranstaltern wurde noch ein neuer 08/15-PC,
ebenfalls unter FreeBSD, gestellt. Der Aufbau der Maschinen und
die Dekoration des Standes mit meinen gesammelten BSD-T-Shirts war
unproblematisch. Da ich mittlerweile zum dritten Mal auf den Journées
du Libre war, gab es viele bekannte Gesichter zu sehen. Die
Veranstalter hatten noch etwas mit dem Aufbau des Netzes zu kämpfen.
Die Entscheidung die Ethernetkabel selbst zu krimpen hatte sich
als unerwartet mühselig und fehlerträchtig erwiesen. Es wurde noch
bis spät in die Nacht oder gar diese ganz durch gearbeitet. Ein
geplantes Abendessen fiel ins Wasser, stattdessen wurde Pizza
bestellt.

An anderen Referenten waren schon Matthias Ettrich (Trolltech, KDE)
und Andrea Arcangeli (SuSE, Linux-Kernel) da. Matthias war mit Air
France über Charles-de-Gaulle geflogen, wo ihm prompt sein Gepäck
abhanden gekommen war. Ein offenbar bei dieser Kombination von
Fluglinie und -route unausweichliches Ereignis, wie auch ich aus
vorheriger Erfahrung bestätigen konnte. Bei einem Whiskey in der
Hotelbar (den ich zugunsten eines Biers verschmähte) ergab sich
noch die Gelegenheit zum entspannten Gespräch.

Schockiert hat mich, dass Matthias und Andrea darin übereingestimmt
haben, dass niemand X11 übers Netz benütze, und man auf diese
Funktionalität getrost verzichten bzw. bedenkenlos Erweiterungen
verwenden könne, die zwingend erfordern, dass Client und Server
auf demselben Host laufen. In meiner Arbeitsumgebung ist es völlig
normal eigene X-Displays zu benutzen bzw. Display und Hostrechner
zu trennen. Matthias Vorschlag, dass man, so man denn einen
Remote-Zugriff brauche, das dann wie bei der Citrix-Lösung für
Windows NT mit einem Kopieren des Framebufferinhaltes machen könne,
war da vergleichsweise leicht verdaulich.

Wie es um KOffice stehe? Nicht so gut.

Wer auf der Suche nach einem schlanken Window-Manager ist, sollte
einen Blick auf Blackbox werfen, den Matthias gelobt hat. Und wenn
dessen Autor dann demnächst bei Trolltech arbeitet, sollte er
hoffentlich auch wieder Zeit für die Weiterentwicklung von Blackbox
finden. Matthias beklagte eine Abwanderung von KDE-Entwicklern zu
Trolltech, wo sie aus Zeitgründen oder auch einfach lieber an Qt
statt KDE arbeiten würden.

Einigermaßen ausgeschlafen ging dann am Freitag ab 09:00 die
eigentliche Veranstaltung los. Um es vorwegzunehmen: Ich bin an
beiden Tagen nicht dazu gekommen, mir irgendeinen der anderen
Vorträge anzuschauen. Der Freitag war nominell für Geschäftsbesucher
gedacht. Der Besucherandrang hielt sich aber sehr in Grenzen, und
die meisten schienen Privatleute zu sein. Nur 300 Besucher sollen
gezählt worden sein. Offenbar haben Compaq daraufhin am Nachmittag
vorzeitig ihren Stand abgebaut und sind verärgert abgereist.

Mittags ist dann auch Alain Thivillon angekommen, der versprochen
hatte, etwas bei der Standbetreuung auszuhelfen, und das auch tat.
Gegen 15:30 war ich mit meinem Vortrag »BSD: Linux With a Twist«
im größeren der beiden Hörsäle dran. Hätte besser gehen können,
aber ich denke es war ganz okay. Der Vortrag wurde mitgefilmt, und
zumindest die Tonspur soll irgendwann im Netz auftauchen.

Abends ging es in großer Gruppe nach Straßburg zum Essen. In einem
Kellerrestaurant wurde Flammkuchen und eine elsäßische Platte mit
Sauerkraut und diversem Fleisch aufgetischt. Auf die anschließende
Kneipentour habe ich zugunsten von Schlaf verzichtet. Matthias
Ettrich und Olaf Kirch wirkten dagegen am nächsten Morgen stark
übernächtigt. ;-)

Auch am Samstag startete die Veranstaltung früh. Der Publikumszuspruch
war deutlich größer, auch am BSD-Stand tat sich etwas. Insgesamt
sollen an beiden Tagen dann doch 1500 Besucher die Veranstaltung
besucht haben, soviele wie letztes Jahr. Diese Schätzung scheint
mir überaus optimistisch, aber ich möchte nicht den Organisatoren
widersprechen.

Ich habe natürlich xdm einen Broadcast ins lokale Netz machen lassen
und mir angeschaut, was für Hosts im Chooser auftauchen. Gleich
beim ersten auf der Liste kam mir ein kdm-Loginfenster mit Mandrake-
Linux-Logo entgegen. Durch ein paar Menüs geklickt, aha, Rechner
anhalten, Rechner neu starten, X-Server neu starten, dann wählen
wir mal Anhalten aus. Zack, wieder zurück im Chooser. Oh, der
Rechner taucht dort gar nicht mehr auf. Christophe hat schließlich
den Stand gefunden, dessen Rechner sich so frei herunterfahren
lies. Wenigstens war es keine Sicherheitsfirma.

Am Nachmittag sind noch zwei Leute von BSDfr aufgetaucht, die
kurzfristig versprochen hatten am Stand zu assistieren. Naja. Von
meinen beiden deutschen Helfern, die zugesagt hatten, war nichts
zu sehen. Christophe hat in Resignation immer wieder dieselbe Frage
beantwortet, und ich habe mit den Leuten gekauderwelscht, wie es
gerade so ging. Wer einen Rohling mitgebracht hat, bekam auf Wunsch
FreeBSD 4.0 gebrannt.

Der BSD-Dæmon in Plüsch kam wieder einmal sehr gut an, es wurden
allerlei Bilder mit Dæmon geschossen, und als weiteren Blickfang
hatte ich mein Happy Hacking Keyboard mitgenommen.

Ich hatte eine Kiste Jolt-Cola spendiert, die von den Veranstaltern
gegen Ende noch verteilt wurde. Das gemütliche Aufräumen gestaltete
sich so problemlos wie der Aufbau. Erstaunlicherweise war nichts
vom Stand verschwunden. Später hat sich noch eine Gruppe gefunden,
die gemeinsam in der Stadt essen ging. Das wurde noch einmal ein
sehr unterhaltsamer Abend, alles sehr angenehme Leute. Wenn ich
öfters nach Frankreich käme, dann würde das mit meinem Französisch
noch etwas werden.

Beim Frühstück am Sonntag Morgen habe ich noch ein wenig mit Doris
Seiler (SuSE Frankreich) geschwatzt, und dann ging es wieder zurück
nach Hause. Insgesamt war das aus meiner Sicht eine durchaus
erfolgreiche, angenehme, streßfreie Veranstaltung. Besonderer Dank
geht an Christophe, der jeden Tag angefahren ist, und die ganze
Veranstaltung über den Stand betreut hat.

-- 
Christian "naddy" Weisgerber                          naddy_at_mips.inka.de


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